Geschichte und Kultur der Roma und Sinti – von Martin Auer

Philomena Franz, Deutschland

Philomena Franz

Philomena Franz wurde 1922 in Biberach an der Riss in eine Sinti-Familie geboren. Ihr Großvater war ein berühmter Cellist, der von Kaiser Wilhelm für seine Verdienste ausgezeichnet worden war. Philomena stand schon als kleines Kind auf der Bühne, sang und tanzte in der Kapelle ihres Großvaters.

Als ihre Familie 1939 nach einem Auftritt im Pariser Lido wieder nach Deutschland einreisen wollte, wurden sie von der Gestapo angehalten. Papiere, Geld, Schmuck und Uhren wurden ihnen abgenommen. Ihren Musikerberuf auszuüben wurde ihnen verboten. Philomena wurde zur Zwangsarbeit in einer Rüstungsfirma verpflichtet. 1943 wurde sie sie verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Als sie erfuhr, dass ihre Schwester Luise in Ravensbrück inhaftiert war, konnte sie durch eine Verwandte, die in der Schreibstube arbeitete, erreichen, dass sie Ende Mai 1943 auf einen Transport nach Ravensbrück kam. Dort musste sie zusammen mit ihrer Schwester und zwei Cousinen bei Siemens Rüstungsgüter herstellen. Nach etwa einem Jahr kamen alle vier in das Außenlager Schlieben in Thüringen, wo sie in Nachtschicht Bomben herstellen mussten. Philomena gelang die Flucht, doch nach acht Tagen wurde sie wieder eingefangen. Zur Strafe wurde sie an den auf dem Rücken gefesselten Händen an den Galgen gehängt. Sie überlebte die Folter und wurde nach Oranienburg transportiert, wo sie von der Gestapo verhört und geschlagen wurde. Ein jüdischer Arzt steckte ihr heimlich Essen zu.
Danach kam Philomena wieder auf Transport nach Auschwitz. Auf dem Waggon stand mit weißer Kreide „Krankentransport“ geschrieben – das bedeutete das Todesurteil für die Häftlinge. Kurz vor dem Eingang zur Gaskammer kam ein SS-Mann auf Philomena zu, der sie abkommandierte – sie musste vor dem Krematorium die Asche der Ermordeten auf Loren schaufeln. Nach etwa drei Wochen kam der Lagerführer und schickte sie auf einen Transport nach Wittenberg an der Elbe. Dort musste sie in einer Flugzeugfabrik Zwangsarbeit leisten.
Kurz vor Kriegsende gelang ihr noch einmal die Flucht. Sie wurde von einem älteren Mann vom Volkssturm aufgegriffen, der sie mit zu sich nach Hause nahm und sie bis zur Befreiung Ende durch die Rote Armee versteckt hielt. Von ihrer zwölfköpfigen Familie haben nur Philomena und ein Bruder überlebt.
Nach dem Krieg heiratete Philomena und wurde Mutter von fünf Kindern. Sie schreibt Zigeunermärchen und Gedichte, hält Vorlesungen an Universitäten, in Schulen und Volkshochschulen. 1995 wurde ihr für ihre Verdienste das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. 2001 wurde sie von der Europäischen Bewegung Deutschland mit dem Preis „Frauen Europas Deutschland 2001“ ausgezeichnet.

Von Philomena Franz sind die Bücher „Zwischen Liebe und Hass. Ein Zigeunerleben“ und „Zigeunermärchen“ erschienen.