Geschichte und Kultur der Roma und Sinti

Märchen und Geschichten

Die Kultur der Roma war lange Zeit eine Kultur ohne Schrift. Die Regeln des Zusammenlebens, die Handwerkskünste, die Lieder und Geschichten, alles wurde mündlich weitergegeben. So war die Kunst des Geschichtenerzählens bei den Roma hoch entwickelt. Die Roma vesammelten sich pro paramisa, „für Geschichten”, so wie die Gadje ins Theater oder ins Kino gehen. In der Slowakei traf man sich im Winter oder an Tagen mit schlechtem Wetter im größten Haus der Siedlung, und jeder zahlte dem Besitzer dafür einen kleinen Betrag oder brachte wenigstens ein Holzscheit für den Ofen mit. Bei diesen Versammlungen erzählten nur Männer. Die Frauen erzählten zu Hause den Kindern. Der Geschichtenerzähler wurde mit einemSäckchen Pfeifentabak belohnt.

Es gab vor allem zwei Arten von Geschichten: vitejzika paramisa, („Heldengeschichten” und pherasune paramisa („lustige Geschichten”). Und dann gab es noch džungale paramisa, das waren die, wo die Kinder hinausgeschickt wurden. Eine einzige Heldengeschichte konnte viele Stunden lang dauern, länger als drei Kinofilme hintereinander. Bei diesen Versammlungen wurde nicht gegessen oder getrunken, und schon gar kein Alkohol. Niemand unterbrach den Erzähler, außer, um mit Ausrufen des Erstaunens, des Mitleids, des Schreckens zu zeigen, dass man mit der Geschichte innerlich mitging.

Ein großartiger Märchenerzähler war der ungarische Rom Lajos Ámi. Seine Märchen hat Sándor Erdész aufgeschrieben und 1968 veröffentlicht.

Viele Romamärchen sind von Forschern aufgeschrieben worden, die keine Roma waren. Doch da die Forscher in früheren Zeiten die Geschichten mit der Hand mitschrieben und sie sich von den Erzählern diktieren ließen, sind diese alten Aufzeichnungen eigentlich nur knappe Zusammenfassungen von dem, was an solchen Abenden wirklich erzählt wurde. Trotzdem wird auch in diesen Aufzeichnungen sichtbar, wie fantastisch, witzig oder poetisch diese Geschichten sein konnten.

Alle Beispiele stammen aus der Sammlung “Gypsy Folk Tales” von Francis Hindes Groome (1899) und sind von mir übersetzt.

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