Geschichte und Kultur der Roma und Sinti

Nach dem 2. Weltkrieg

Die Überlebenden der Vernichtungspolitik in Österreich und Deutschland mussten noch lange kämpfen, bis die jeweiligen Staaten sie als Opfer des Nationalsozialismus anerkannten und ihnen teilweise auch Entschädigungen zahlten. Noch 1954 wurde in Bayern eine eigene Polizeiabteilung geschaffen, um Roma und Sinti zu registrieren. In Köln kam es dazu, dass die Behörden Überlebenden der Konzentrationslager ihre Papiere abnahmen, weil sie nicht nachweisen konnen, dass sie deutsche Staatsbürger waren. Großen Anteil am Kampf um Anerkennung als Opfer und um Gleichberechtigung hatten der Zentralrat deutscher Sinti und Roma (gegründet 1950) und der Kulturverein Österreichischer Roma (gegründet 1991).

1981 empfing der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt den Vorsitzenden des Zentrarats Romani Rose und andere Delegierte der Roma und Sinti. Bei diesem Treffen anerkannte der deutsche Bundeskanzler zum ersten Mal offiziell, dass die Roma und Sinti Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung waren.

Auch in anderen Ländern gründeten Roma ihre Vertretungen. 1959 wurde in Paris die communauté mondiale gitane („Weltgemeinschaft der Zigeuner”) gegründet. In ihr waren Roma, Manouche und Kalé aus Frankreich zusammengeschlossen, und sie hatten Verbindungen anch Polen, Kanada, in die Türkei und andere Länder. Diese Vereinigung wurde 1965 von der französischen Regierung aufgelöst.

Nach dem zweiten Weltkreg hatten die britischen Romanichels begonnen, an verschiedenen Orten Land zu kaufen, um Lageprlätze zu haben, an denen sie mit ihren Wohnwagen, die nun von Autos gezogen wurden, campieren könnten. 1960 wurde ein Gesetz erlassen, das das Anlegen neuer Lagerplätze verbot. 1966 wurde der British Gypsy Council („Britischer Zigeunerrat”) gegründet, um dieses Gesetz zu bekämpfen und das Recht auf Lagerplätze durchzusetzen. Ab 1967 organisierte der Gypsy Council Sommerschulen für die Kinder der Romanichel. 1970 wurde der National Gypsy Education Council (Nationaler Rat für Zigeuner-Bildung) gegründet.

1976 fand in der Stadt Chandigarh in Indien das erste internationale Roma-Festival statt. Die Staatspräsidentin Indira Gandhi versprach, sich international für die Anerkenung der Roma als nationale Minderheit indischer Herkunft einzusetzen.

In den kommunistischen Staaten Osteuropas konnten die Roma keine eigenen Interessenvertretungen gründen. In vielen dieser Länder versuchten die Regierungen wiederum, mit Zwangsmaßnahmen die Roma anzupassen. In Bulgarien zum Beispiel wurden sie so wie andere Muslime gezwungen, bulgarische christliche Namen anzunehmen. Das Reisen wurde ihnen verboten. In der Tschechoslowakei hat man die Zigeunersiedlungen aufgelöst, damit die Roma nicht nahe beisammen wohnen sollten. Das nannte man „Zerstreuung von unerwünschten Zigeuner-Konzentrationen”. 1958 wurde in der Tschechoslowakei auch das „Nomadentum”, das Wanderleben verboten. Die Polizei zerstörte die Wagen und tötete die Pferde der Roma. Nur 1968, als die Führer der tschechoslowakischen Kommunistischen Partei das System etwas freier gestalteten – man sprach vom „Prager Frühling” – konnten auch die Roma eine eigene Organisaion gründen. Sie wurde jedoch vier Jahre später wieder aufgelöst. 1976 wurden Pläne der tschechoslowakischen Regierung bekannt, die Roma zwangsweise zu sterilisieren.

Die einzige Ausnahme war Jugoslawien, das den Roma zumindest gestattete, in Vereinen ihre Kultur und Sprache zu pflegen. Seit den 60er Jahren sind viele Roma aus Jugoslawien als Gastarbeiter in den Westen gegangen und haben sich dort niedergelassen. 1969 wurde Abdi Faik, ein Rom aus Mazdeonien, ins Jugoslawische Parlament gewählt. 1981 wurden die Roma in Jugoslawien als „Nationalität” anerkannt.

Nach dem Zerfall Jugoslawiens wurden in Mazedonien als einzigem europäischem Staat die Roma 1991 als nationale Minderheit anerkannt, die theoretisch dieselben Rechte wie die albanische und die türkische Minderheit hat.

Seit dem Fall des Kommunismus haben auch in vielen osteuropäischen Ländern die Roma ihre eigenen Interessenvertretungen und Parteien gegründet. In einigen Ländern wurden einzelne Roma ins Parlament gewählt. Auch im Europäischen Parlament gibt es Abgeordnete, die Roma sind.

1971 fand in London der erste Internationale Romani-Kongress statt. Delegierte aus 14 Ländern erklärten, dass die Roma eine eigene Nation sind und dass Roma die ofizielle Bezeichnung dieser Nation ist. Es wurde eine Flagge entworfen und das Lied „Gelem gelem” („Ich bin weit gewandert”) wurde zur offiziellen Hymne erklärt.

Die Roma-Flagge

Die Roma-Flagge

Auf dem zweiten Romani-Kongress 1978 in Genf waren bereits Vertreter aus 50 Roma-Organisationen aus allen Teilen Europas, aus den USA, Indien und Pakistan vertreten. Bei diesem Kongress wurde die Internationale Romani Union (Internacionalno Romani Unia, IRU) gegründet, ein Dachverband von regionalen und nationalen Interessenvertretungen. 1979 wurde die Internationale Romani Union als nicht-staatliche Organisation (NGO) in den Wirtschafts- und Sozialrat der UNO aufgenommen. Seit 1986 ist sie auch Mitglied der UNICEF („United Nations Children’s Fund“, die Organisation der Vereinten Nationen, die sich um die Rechte, die Bildung und Gesundheit der Kinder der Welt kümmert).

Große Anstrengungen werden unternommen, um eine einheitliche Schriftsprache zu entwickeln, die für die Bildungschancen der Roma ebenso wichtig ist wie für ihren internationalen Zusammenhalt.

Mit mindestens 10 Millionen sind die Roma die größte nationale Minderheit Europas. Obwohl viele von ihnen es zu großen Erfolgen in Kultur, Wirtschaft und Politik gebracht haben, gehören die meisten noch immer den ärmsten Schichten an, mit hoher Arbeitslosigkeit, schlechter Gesundheit und Ernährung und schlechten Bildungschancen. Die Vorurteile der Mehrheitsbevölkerung sind noch längst nicht überwunden und immer wieder sind Roma sogar tätlichen Angriffen ausgesetzt. Die politische Gleichberechtigung besteht in vielen Ländern nur auf dem Papier. Roma und Nichtroma müssen noch viel tun, um die Gegensätze zu überwinden, gegenseitiges Verständnis und echte Gleichberechtigung zu erreichen.

'