Geschichte und Kultur der Roma und Sinti

Die Verfolgung

Doch die Roma kamen nicht nur als herumziehende Pilger. Sie boten ihre Arbeit an als Schmiede, als Kesselflicker, als Korbmacher und so weiter. Für die einheimischen Handwerker waren sie eine unbequeme Konkurrenz. In den Städten waren die Handwerker in Zünften organisiert, die streng darauf achteten, dass kein Fremder ihnen das Geschäft verdarb. In den Dörfern aber gab es nicht genug Arbeit. Wenn in einem Dorf alle löchrigen Pfannen gelötet, alle kaputten Werkzeuge repariert, alle zerbrochenen Schüsseln und Töpfe mit Draht geflickt waren, dann mussten die Roma weiterziehen zum nächsten Dorf. Nicht nur Roma, auch andere Handwerker mussten so ein Wanderleben führen.

Der Kirche waren die seltsamen Heilpraktiken der Roma verdächtig. Das Wahrsagen und aus der Hand lesen, das viele Frauen betrieben, galt als unchristliche Zauberei.

Den Regierungen war es wiederum unerträglich, dass die herumziehenden Roma nicht in die bestehende Ordnung passten und keinem Herren untertan waren.

Es kam auch das Gerücht auf, dass die Roma, die aus dem Osten gekommen waren, Spione für das Türkische Reich waren. Das Osmanische Reich strebte ja jahrhundertelang nach Eroberungen in Europa. Es hieß auch, dass die Roma die Pest verbreiteten.

Nach den ersten sensationellen Berichten über die exotischen Pilger, denen man Almosen gab, lesen wir bald, dass man den Roma Geld gab, um sie loszuwerden. So schrieb 1463 der Chronist von Bamberg, dass man den Zigeunern ein Geschenk von sieben Pfund gemacht habe, dafür, dass sie sofort abreisten und die Gemeinde nicht mehr belästigten.

Die nächsten Jahrhunderte lebten die Roma in Europa zwischen Verfolgung und widerwilliger Duldung.

Auf dem Reichstag von Lindau 1497 wurde den Zigeunern befohlen, dass sie das Gebiet des Deutschen Reiches bis zum Jahr 1501 verlassen mussten, weil sie Spione der Türken seien und die Pest verbreiteten. Der Reichstag war die Versammlung der wichtigsten Fürsten und der Vertreter der wichtigsten Städte des Deutschen Reiches und wurde vom Kaiser einberufen. Roma, die nach dem Jahr 1501 noch in den Grenzen des Reichs angetroffen wurden, sollten vogelfrei sein. Wenn eine Person für vogelfrei erklärt wurde, so hieß dass, dass sie keinerlei Rechte mehr besaß, dass jeder sie straflos töten durfte oder ihr ihr Eigentum wegnehmen durfte. 50 Jahre später bestätigte Kaiser Karl V. dieses Gesetz und verbot den Landesfürsten, den Roma weiterhin Pässe auszustellen. Viele Beispiele von grausamen Gesetzen gegen die Roma gibt es aus den folgenden Jahrhunderten: 1686 ließ Kurfürst Wilhelm I. von Brandenburg verkünden, dass die Zigeuner und ihr Handel in seinem Land nicht geduldet werden durften. Männer, die gefasst wurden, sollten zu Zwangsarbeit verurteilt werden. Sie mussten beim Bau von Festungen arbeiten. Die Frauen sollten ausgepeitscht und ihnen ein Brandzeichen aufgedrückt werden und ihre Kinder sollten ihnen weggenommen werden. In Sachsen wurde den Roma die Prügelstrafe und die Brandmarkung angedroht. Wenn aber ein Gebrandmarkter ein zweites Mal gefasst wurde, drohte ihm die Todesstrafe. Der König von Preußen erlaubte 1725 alle männlichen und weiblichen Zigeuner über 18 Jahre ohne Gerichtsverfahren zu hängen. Im Jahr 1734 setzte der Landgraf von Hessen eine Belohnung von sechs Reichstalern für jeden lebend gefangenen Zigeuner aus und von drei Reichstalern für jeden getöteten. Darauf veranstalteten tatsächlich manche einfache Dorfbewohner „Zigeunerjagden”.

In Frankreich begann die härteste Zigeunerverfolgung erst 150 Jahre später als im Deuschen Reich, nämlich unter dem „Sonnenkönig” Ludwig XIV. Männliche Roma sollten lebenslang Dienst auf den Galeeren versehen, Frauen sollten geschoren und mit ihren Kindern in Armenhäuser gesteckt werden. Auch allen Edelleuten und Richtern, die den Roma Schutz und Zuflucht gewährten, drohte der König mit Enteignung und Absetzung.

Auch König Philipp III. von Spanien befahr 1619 allen „Egipcianos” das Land zu verlassen und verbot ihnen bei Todesstrafe, jemals wieder zurückzukehren. Er erlaubte ihnen aber zu bleiben, wenn sie sich feste Wohnsitze suchten und ihre bisherigen Lebensgewohnheiten aufgaben. Er verbot ihnen, ihre eigene Sprache zu verwenden und befahl ihnen, sich so zu kleiden wie die Spanier. Viele Gitanos in Spanien unterwarfen sich diesen Regeln, sie ließen sich am Rand der Städte nieder. Heute sprechen die Gitanos auch nicht mehr Romani, sondern ein Spanisch mit vielen Romani-Wörtern, das Caló. Dennoch wollten sie sich nicht völlig anpassen. Am 20. Juli 1749 ordnete der spanische König an, dass alle Roma Zwangsarbeit in den staatlichen Bergwerken, Schiffswerften und Fabriken leisten mussten. Er ließ alle Roma zusammentreiben und verhaften. An diesem Tag, dem „Schwarzen Mittwoch”, wurden 10.000 Roma, die versucht hatten zu flüchten, in Spanien ermordet.

Der König von Portugal ließ die Roma nach den afrikanischen Kolonien und später nach Brasilien verbannen.

Auch in England ging man nach 1650 dazu über, die Roma nach Amerika zu deportieren.

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