Geschichte und Kultur der Roma und Sinti

Sklaven in Rumänien

Man darf sich die Wanderung der Roma nicht so vorstellen, dass eines Tages alle Roma im Land ihre Sachen gepackt haben und weitergezogen sind. Es wird eher so gewesen sein, dass einige Familien weitergezogen sind, um anderswo einen Lebensunterhalt zu suchen. Später sind dann mehr und mehr Familien nachgekommen. In allen Ländern, durch die die Roma ihre jahrhundertelange Wanderung geführt hat, gibt es heute noch Roma, in Persien, in Armenien, in der Türkei, in Griechenland. Die Vorfahren dieser Roma sind also dort geblieben. Aber immer wieder sind welche weitergezogen, vielleicht, weil es zu wenig Arbeit gegeben hat oder eine Hungersnot ausgebrochen ist oder weil ein Krieg das Leben zu gefährlich werden hat lassen.

Als die Türken nach und nach das byzantinische Reich eroberten, flohen wiederum viele Roma vor den Kriegshandlungen weiter nach Westen. Viele zogen in die Fürstentümer Walachei und Moldawien, die heute zu Rumänien gehören. Dort konnte man die Roma mit ihren Handwerkskünsten gut gebrauchen. Doch die Türken besiegten auch Moldawien und später auch die Walachei, und die Fürsten und Klöster mussten dem Osmanischen Reich (so hieß der türkische Staat) Tribut zahlen. Die Fürsten und Klöster wiederum verlangten vom einfachen Volk immer höhere Steuern, und wer die nicht bezahlen konnte und keinen Besitz mehr zu verkaufen hatte, geriet in Schuldknechtschaft. Die Bauern wurden zusammen mit dem Land, das sie bearbeiteten, Eigentum eines Fürsten oder eines Klosters, sie wurden Leibeigene. Sie mussten für ihre Herrschaft Frondienste leisten. Wenn ein Herr sein Land verkaufte, wurden die Bauern, die es bearbeiteten, mit verkauft. Die Roma aber wurden zu Sklaven erklärt, zu Robi. Robi waren nicht an das Land gebunden wie die Leibeigenen, sondern sie waren der persönliche Besitz ihrer Herrschaft. Roma waren von Geburt an Sklaven. Sie durften keine „Freien” heiraten, und auch untereinander durften sie nur heiraten, wenn ihr Besitzer es erlaubte. Ihre Besitzer konnten die Prügelstrafe über sie verhängen, sie foltern oder zum Tod verurteilen.

Romasiedlung in der Wallachei 1862

Romasiedlung in der Wallachei 1862

Am besten ging es noch den Sklaven der Krone. Sie konnten als wandernde Schmiede (Kalderaš), Löffelschnitzer (Lingurari) oder Goldwäscher (Aurari) ihren Lebensunterhalt verdienen und mussten dem Herrscherhaus Abgaben leisten. So konnten sie auch ihre Sprache und ihre Gebräuche bewahren. Aber der Herrscher konnte sie nach Belieben an einen Fürsten oder ein Kloster verschenken. Die Sklaven der Bojaren[1] und die Sklaven der Klöster mussten als Landarbeiter oder als Diener im Haus arbeiten.

Oft mussten 300 oder 400 Romasklaven für eine rumänische Adelsfamilie von etwa 10 Personen arbeiten.  Die Haussklaven wurden noch relativ gut behandelt, während die Feldarbeiter oft schlimmer als das Vieh gehalten wurden. Die Herren machten oft die jungen Sklavinnen zu ihren Geliebten. Deshalb gab es gerade unter den Haussklaven viele hellhäutige, blonde Menschen. Doch doch da sie Kinder von Romnia waren, waren sie Sklaven, auch wenn ihre Väter Herren waren.

Immer wieder flücheten Roma aus der Sklaverei und versteckten sich in den Bergen der Karpathen. Sie ernährten sich elend von Jagd und wilden Früchten und Wurzeln, gelegentlich auch durch Überfälle auf Reisende. Doch meist waren sie unbewaffnet und ständig auf der Flucht. 1833 – die Fürstentümer waren damals von Russland besetzt worden – erließ der Gouverneur Kisseleff  Befehl, die entlaufenen Sklaven wieder einzufangen. Von da bis zur endgültigen Aufhebung der Sklaverei schwelte in den Bergen ein Guerillakrieg, in dem die entlaufenen Roma gemeinsam mit rumänischen Banditen gegen die staatlichen Truppen kämpften.

Erst 1856 wurde die Sklaverei in Rumänien endgültig aufgehoben. Die „Herrschaften” erhielten vom Staat eine finanzielle Entschädigung für jede freigelassene Person. Doch die in die „Freiheit” entlassenen Roma erhielten keine Entschädigung für ihre jahrhundertelange Sklavenarbeit. Die sesshaften Roma wurden mitten im Winter von ihren ehemaligen Besitzern aus ihren Häusern verjagt und mussten wieder auf die Wanderschaft gehen.

Ein Inserat aus dem Jahr 1852: „Zigeunersklaven zu verkaufen"

Ein Inserat aus dem Jahr 1852: Zigeunersklaven zu verkaufen


[1] Bojaren nannte man die Großgrundbesitzer

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